Backyard Ultra – Das Wettrennen im Zeitlupenformat
Für dieses Laufevent braucht man Geduld und Ausdauer. Nicht nur als Läufer, nein auch als Zuschauer. Wer einem solchen Event beiwohnen durfte, weiß wovon ich rede. Der Backyard Ultra ist kein Sprint und auch kein Marathon. Er ist viel mehr als das. Eindrucksvoll bekommt man das beim aktuell stattfindenden Big’s Backyard Ultra in Bell Buckle, Tennessee, USA unter Beweis gestellt.
Ich schreibe diesen Beitrag an Tag 4 des Wettbewerbs. Und ein Ende ist nicht absehbar. Noch nicht. Doch der Reihe nach.
Was ist ein Backyard Ultra?
Der Backyard Ultra ist ein Ultralauf im Last-Man-Standing-Prinzip. Nur einer kann gewinnen. Alle anderen Teilnehmer sind nicht etwa zweit-, dritt- oder viertplatziert. Nein, sie sind raus. DNF – Did not finish. Das meist überschaubare Starterfeld von 30-200 Läufern je Wettbewerb hat eine 6.7km lange Straßen- oder Trailstrecke vor sich. Diese muss in genau einer Stunde absolviert werden. Wer das nicht schafft ist raus. Wer die Strecke in weniger als einer Stunde absolviert hat, kann sich bis zum Erreichen der vollen Stunde ausruhen, verpflegen, massieren lassen, duschen, strecken, dehnen und was auch immer. Zur vollen Stunde geht es dann von vorne los. Wieder 6.7km. Wieder eine Stunde Zeit. Wenn der vorletzte Läufer aufgibt, muss der letzte im Rennen verbliebene Teilnehmer noch eine Runde allein absolvieren. Dann ist das Rennen vorbei und hat einen Sieger.
Warum 6.7km in einer Stunde?
Eigentlich ist es ganz einfach: 100 Meilen gelaufen in 24 Stunden entsprechen 4.1667 Meilen für einen Loop (umgerechnet 6.7km pro Runde/Stunde). Diejenigen, die es schaffen 24 Runden zu absolvieren, können mit Fug und Recht behaupten 100 Meilen an einem Tag gelaufen zu sein.
Wer hat’s erfunden?
Nicht die Schweizer. Sondern ein US-Amerikaner. Genauer gesagt, die Ultraläufer-Ikone Gary Cantrell – Spitzname Lazarus Lake. Wer mehr über den in meinen Augen positiv Verrückten 70-jährigen erfahren möchte, dem sei beispielsweise dieser Artikel aus der Welt nahegelegt: „Beim härtesten Rennen der Welt schafft es keiner ins Ziel„. Als Organisator von Ultraläufen wie den Barkley Marathons, Big’s Backyard Ultra, dem Barkley Fall Classic und der Strolling Jim 40 gehen jede Menge Qualen und unfassbare Leistungen der Teilnehmer auf Gary’s Kappe. Doch damit nicht genug. Lazarus Lake war selbst Ultraläufer und lief beispielsweise 2018 von Rhode Island im Osten bis nach Oregon einmal quer durch die USA. Ein kleiner Einblick in seine Ultraläufe ist in der DUV-Datenbank aufgeführt.
Die Big’s Backyard Ultra Weltmeisterschaften
Vom 18. Oktober 2025 bis zum 23.10.2025 fanden die diesjährigen Weltmeisterschaften start. Qualifiziert haben sich die besten Backyard-Läufer und Läuferinnen der Welt. Darunter der Weltrekordler Phil Gore aus Australien, die halbe belgische Nationalmannschaft, der deutsche Rekordhalter Hendrik Boury. Veranstaltungsort ist ein Dorf in Tennessee. Bell Buckle. Warum ausgerechnet dort? Nun, die Weltmeisterschaft findet auf dem (scheinbar ganz schön großen) Privatgrundstück von Gary Cantrell statt. Wo sonst, wenn nicht beim Erfinder des Rennens. Und natürlich ist auch er derjenige, der 3,2 und 1 Minute vor Rundenbeginn in seine Trillerpfeife pfeift, um die verbliebenen Teilnehmer zu informieren, dass es gleich wieder los geht. Ein Geräusch, mit dem ich während des Events eine gewisse Hassliebe empfinde. Gelaufen wird auf 2 Strecken. Tagsüber geht es über eine Trailstrecke mit 130 Höhenmeter Runde um Runde voran. Nachts wird auf eine asphaltierte Strecke gewechselt. Stirnleuchte, gute Akkus und eine ausdauernde Sportuhr sind Pflicht 😉
Gestartet sind beim diesjährigen WM-Rennen 72 Teilnehmer. Zwar strich der Erste schon nach 6 Runden die Segel, aber zu Beginn des zweiten Tags waren noch immer 67 Teilnehmer am Start. Nach weiteren 24 Stunden waren noch 52 Teilnehmer dabei. 26 Teilnehmer starteten in den vierten Tag und absolvierten mehr als 72 Runden bzw. 300 Meilen / 469 Kilometer. Non stop. Ohne Schlaf. Denn in 25 bis 5 Minuten Pause Runde für Runde bleibt nicht viel Zeit, um sich wirklich auszuruhen.
Mit 95 Runden und fast 400 Meilen Laufleistung stellte Sarah Perry einen neuen Frauen-Weltrekord auf. Der deutsche Starter Hendrik Boury verbesserte seinen eigenen nationalen Rekord auf 100 Runden. Mittlerweile sind 105 Runden absolviert und die verbliebenen 6 Teilnehmer machen den Sieg unter sich aus.
Nachtrag: Mittlerweile steht fest. Phil Gore aus Australien hat das Rennen nach unglaublichen 114 Runden gewonnen.
Backyard Ultra in Deutschland
Und natürlich finden auch einige Backyard Ultras in Deutschland statt. Die Ausdauersportart steckt noch in den Kinderschuhen, wurde sie doch erst 2011 ins Leben gerufen. Einen Aufschwung hierzulande erhielt sie definitiv durch Kim Gottwald, der einen Backyard Ultra in den USA gewinnen konnte und in Nordrhein-Westfalen Anfang Oktober zusammen mit André Schürrle mit dem Last Soul Ultra einen aufmerksamkeitswirksamen Backyard Ultra veranstaltete. Auch wenn dieser es etwas lockerer nahm, als die offiziellen Regeln es vorsehen, war das Event ein beachtenswertes Spektakel. So durften die Teilnehmer dort ganztägig Musik über ihre Kopfhörer hören und wurden vorm Zielbereich verpflegt bzw. auf der Strecke teilweise unterstützt. Kleinigkeiten, die bei den Weltmeisterschaften zu Disqualifikationen führen. Denn: Auf der Strecke ist jeder Läufer auf sich allein gestellt.
Zu den bekanntesten und größten Backyard Ultras in Deutschland zählen unter anderem folgende Rennen:
- Hofer Backyard Ultra (60 Teilnehmer, Rekord: 27 Runden)
- Schinder Trial (6. Auflage, Rekord: 32 Runden)
- Biber Backyard (60 Teilnehmer, 32 Runden Rekord)
- Osee Backyard Ultra (knapp 200 Teilnehmer, Rekord: 49 Runden)
- Weserbergland Backyard Ultra (knapp 100 Teilnehmer, Rekord: 31 Runden)
- Bienwald Backyard Ultra (50 Teilnehmer, Rekord: 49 Runden)
Man sieht schon: Viele Teilnehmer sind es nicht. Das Starterfeld ist überschaubar und es werden nicht mehr im Laufe des Rennens.
Der Reiz des Backyard Ultra
Doch worin liegt der Reiz? Als Zuschauer zweifelsfrei an den unglaublichen Leistungen der Athleten. Wenn man sich bewusst macht, wie lange 6.7 Kilometer sind und was sich – wie im Falle der Weltmeisterschaft – in 100 Stunden, also über 4 Tagen alles erledigen lässt, während das Rennen fortwährend ohne Unterbrechung läuft, zollt mir das jedem Teilnehmer großen Respekt ab.
Am eindrucksvollsten habe ich das bei meinem ersten Backyard Ultra 2024 wahrgenommen. Nach meinen damals 5 absolvierten Runden war ich vollkommen fertig. Komplett erledigt bin ich ins Hotel gegangen, bin in die Altstadt Zittaus zum Essen gefahren und hab mich wieder im Hotel (an der Rennstrecke) schlafen gelegt. Am nächsten Morgen beim Frühstück auf der Terrasse laufen die Läufer immer noch und absolvieren ihre 24. Runde. Ich fahre nach Hause nach Dresden und abends: Laufen die Läufer immer noch. Auch am nächsten Morgen stehe ich auf, gehe zur Arbeit: Die letzten beiden sind immer noch unterwegs. Einfach Wahnsinn.
Und was ist der Reiz als Teilnehmer?
Für mich ganz klar das Miteinander unter den Teilnehmern. Das überschaubare Teilnehmerfeld ermöglicht es mit vielen anderen ins Gespräch zu kommen. Denn: zu jeder vollen Stunde steht man nach dem Ertönen der Trillerpfeife wieder gemeinsam am Start und begibt sich im Stile von „Und stündlich grüßt das Murmeltier“ wieder auf die gleiche Strecke.
Natürlich spielt auch die Organisation drumherum mit Verpflegung, Unterhaltung und Co. wie beim Osee Backyard Ultra eine große Rolle. Die ist dort nämlich unerreicht gut. Bei anderen Backyards muss man sich teilweise in eigenen Zelten selbst verpflegen.
Ein weiterer Reiz für mich: Man muss nicht der schnellste sein. Ich war nie ein schneller Läufer und werde es vermutlich auch nicht mehr werden. Doch 6.7km in 45-50 Minuten: Bekomme ich hin. Und mit einer Mischung aus kräfteschonendem Gehen im Anstieg und Abstieg sowie langsamen Joggen auf der Geraden ist die Strecke ein Klacks. Und so komme ich entspannt ins Ziel. Was natürlich für den Ausgang eines jeden Rennens auch bedeutet: Nicht der schnellste gewinnt, sondern der, der sich sein Rennen taktisch und kräftemäßig am besten einteilt. Man muss ja nur eine Runde mehr als die Konkurrenz schaffen.
Viel herausfordernder ist die Sache mit dem Willen und Kopf. Denn der gaukelt einem schon regelmäßig vor, wie schön es doch wäre sich nicht wieder auf eine neue Runde zu begeben. Aber: Gestorben wird auf der Strecke. Sprich: Im Idealfall starte ich jede Runde neu und schaue, ob ich diese im Zeitlimit schaffe. Ungeahnte Reserven und der Wille beflügeln viele Teilnehmer zu „just one more loop“ – nur noch einer Runde mehr.
Am Ende ist in meinen Augen jeder ein Gewinner. Sich immer wieder auf eine neue Runde zu begeben, der irgendwann eintönigen Strecke Meter um Meter abzuringen und sich zu neuen Höchstleistungen zu spornen, macht jeden Teilnehmer zu einem Sieger. Egal, wieviele Runden man schafft. Siegesambitionen haben die wenigsten Starter würde ich meinen. So habe ich für mich bereits gewonnen, wenn ich teilnehme und meine Leistung vom Vorjahr übertreffe. Doch selbst das ist kein Muss.
Und so steht auch im neuen Jahr für mich meine erneute Teilnahme am mittlerweile ausverkauften Osee Backyard Ultra um den Olbersdorfer See bei Zittau fest im Kalender. Nach 5 Runden 2024 und diesjährigen 8 Runden soll im nächsten Jahr ein zweistelliges Ergebnis rausspringen. Und irgendwann knacke ich die 100km :-). Man muss ja irgendwelche Ziele haben, wenn es nicht der Weltrekord ist…


No Comment